Zurück aus Syrien
24.04.2012
Jetzt sind wir wieder zurück aus syrien, können viel berichten(hier und hier ) und Bilder und Videos zeigen. Bis das alles so weit ist, wird es noch einige Tage dauern. Auf jeden Fall wurde uns erneut deutlich, dass die Situation vor Ort vollkommen anders ist, als das Bild, das unsere Medien zeigen.
Reise nach Syrien
19.04.2012
Bei der Ankunft im Hotel in Damskus fragte mich der Manager ganz überrascht: „Sie kommen jetzt hierher nach Syrien?“ Ja: eine Reise nach Syrien und zurück war noch nie ganz selbstverständlich, heute scheint es ein Abenteuer.
Für uns war es eine Reise um einen Freund zu besuchen, Sprache, Kultur und Alltag wieder zu erleben und vor allem für mich auch der Versuch, mehr über die Realität vor Ort zu erfahren. Umfeld und Erwartungen machen die Reise zu etwas ganz besonderem.
Schon kurz nach unserer Ankunft traf ich mich mit einer jungen Syrerin, einer Lehrerin an einem Sprachinstitut. Sie hat viele Freunde im Ausland und führt in Syrien ein sehr europäisches Leben. Über den Beginn der Ereignisse sagte sie mir: "Ich war 4 Wochen ganz krank, schaute nur die Nachrichten auf allen Kanälen – bis ich dachte: warum schaue ich eigentlich Fernsehen, ich lebe doch hier, habe Freunde und Verwandte – und merkte, dass vieles in den Nachrichten einfach nicht wahr ist"
Alle Menschen, mit denen wir gesprochen haben – Familie, alte Freunde und Bekannte, Manager und Taxifahrer, haben uns ähnliches gesagt. Und auch, dass sie Veränderungen brauchen, aber "in Syrien und aus Syrien und in Stabilität".
In den Metropolen, in Damaskus und Aleppo ist es ruhig. Die Menschen kaufen und verkaufen wie eh und je, die Läden sind voll mit Waren.
Letztes Wochenende war Ostern der Ostkirche, die Christen feierten nur in den Kirchen ohne Prozession, aus Sorge um die Sicherheit. Danach gab es den Feiertag anlässlich des Abzugs der französischen Truppen. Vielleicht noch nie habe ich so einen Tag in Damaskus erlebt. Der Frühling in voller Pracht, die Schwalben flogen, die Stadt war voller flanierender Menschen. Ein ganz besonderer Tag – und ein vollkommen anderes Bild, als uns die westlichen Medien zeigen.
Und darunter die Sorge, vor dem Reisen, um die Lage der Wirtschaft und wie es weitergeht.
Reisen ist nicht mehr selbstverständlich. Auf unsere Reisepläne hin (Von Damaskus nach Aleppo und zurück) sagt eine Verwandte unseres Freundes, nicht für alles Geld würde sie heute nach Aleppo reisen, und auch die Lehrerin, mit der ich sprach, hat Sorge davor zu reisen.
Und natürlich waren auch wir angespannt während der Reise und froh als wir nach 3 Tagen wieder in Damaskus waren. Dabei verlief die Fahrt ohne Probleme. Die Busse fahren heute Umwege um auf sicheren Strassen zu bleiben und so dauert die Fahrt länger als eigentlich nötig.
Die Sanktionen, das Wegbleiben der westlichen Touristen erschweren die Situation. Zum Glück ist mit dem Frühling manches einfacher geworden, auch die Elektrizitätsversorgung ist wieder besser geworden. Als Touristen und Ausländer sind wir hier auch das Stadtgespräch: Hoffnung und Zweifel immer wieder: Kommen die Touristen zurück...?
Es wird hier viel diskutiert, man kann immer wieder die Reizworte hören: Korruption und wie geht es weiter mit dem System. Und gerade vorhin begegnete mir ein junger Mann mit dem Symbol einer durchgestrichen Pistole auf dem T-Shirt. Ein Bild, was sehr viel zum Ausdruck bringt.
Mit der Ankunft der UN-Beobachter habe ich das Gefühl, dass mehr Hoffnung besteht und fand Bestätigung dafür bei Bekannten in Aleppo.
Aber auch hier gilt, wie ein Freund es formulierte: Das ist vielleicht die letzte Chance.
Mittlerweile rasen Busse durch die Stadt, frisch lackiert und mit Blaulicht und Polizeibegleitung - Teil der UN-Beobachtermission. Die Verkehrspolizei ist hektisch und winkt sie schleunigst durch den Verkehr. Ansonsten müssen sich Fahrzeuge auch mit Blaulicht selbst ihren Weg suchen.
Reise nach Syrien
17.04.2012
Man muss wohl Freunde haben in Syrien, der Sprache maechtig sein und ein besonderes Interesse fuer dieses Land haben, um ausgerechnet jezt nach Syrien zu reisen.
Auf uns - einen Deutschen und eine Schweizerin - trifft das alles mehr oder weniger zu. Ich war vor 5 Jahren das erste Mal in Syrien, wohnte 4 Wochen in einer bizarren Wohngemeinschaft in der Altstadt von Damaskus, mit Syrern und Syrerinnen, einer Italienerin, einem US-Amerikaner und einem richtigen Gespenst, einem Bewohner, der nur des nachts wach wurde, durch das Haus lief und - wie ich glaube - immer stoned war.
Vor 3 Jahren war ich fuer 6 oder 7 Wochen in Syrien in einem Sprachkurs und jetzt also zum dritten Mal.
Jeder mag seine eigene Sicht auf die Ereignsse haben; ich kann hier nur ueber meine eigenen Erfahrungen und Eindruecke sprechen und nicht eine allgemeingueltige Warheit verkuenden. Und nicht zuletzt deshalb, weil Syrien ein so vielfaeltiges Land ist. Metropolen wie Aleppo und Damaskus, die Staedte an der Kueste betriebsam und saekular auf der einen Seite; Stammeskultur, Beduinen auf der anderen. Sunniten, Alawiten, Drusen, Ismailiten, Christen, die Vielfalt der Kulturen: Das ist der Reiz Syriens und zugleich die Gefahr sollte das Land jemals auseinanderbrechen.
Metropolen
Haette ich erwartet, dass das Land in Chaos und Zerfall darniederliegt und alle nur auf den Sturz von Bashar Assad warten, waere ich bei der Ankunft voellig ueberrascht gewesen.
In beiden Metropolen, in Aleppo und Damaskus herrscht geschaeftiges Treiben, buntes Leben, es wird gehandelt und flaniert wie eh und je. Allenfalls hatte ich an einem Platz in Damaskus das Gefuehl, es sei vielleicht mehr Armut sichtbar als vor 3 Jahren. Waehrend wir in Aleppo gar keine Kontrolle erlebt hatten, gab es in Damaskus Kontrollposten zwischen den Vororten und dem Zentrum, aber gestern hatten sie nicht einmal mehr kontrolliert.
Gegenueber meinem Besuch vor 3 Jahren hat sich einiges geaendert: es wird viel gebaut, es gibt endlich auf manchen Daechern Solaranlagen. Ja, und mein Lieblingsrestaurant hat sich auch geaendert. Wo frueher ein Kellner die Hisbolla ruehmte und im Fernsehen eine Rede von Hasan Nasralla uebertragen wurde, sind heute zwei Flachbildschirme installiert, auf denen Videos aus Beirut laufen: Musikvideos mit viel Rythmus und nur der noetigsten Kleidung.
Reisen
Das Reisen ist heute schwieriger geworden. Um auf sicheren Strassen zu bleiben, fahren die Busse oft grosse Umwege.
Dabei verlief Unsere Reise nach Aleppo voellig unspektakulaer. Zu Beginn sagte der Busbegleiter, wir wuerden nur an sicheren Orten anhalten und jemand meinte: ‘und falls nicht, steigen die Deutschen als erste aus’. Das war nicht auf uns gemuenzt, fuehrte aber zu Heiterkeit, als sich zeigte, dass ein Deutscher im Bus sass.
Von Damaskus nach Aleppo, wer auf die Karte schaut, sieht: die Strasse fuehrt an Homs vorbei. Auf der Hinfahrt: viele Kontrollposten, jedesmal musste der Busbegleiter die Passagierliste vorlegen. Gestern auf der Rueckfahrt, bei schoenstem Fruehlingswetter und warum auch immer, waren die Kontrollen total entspannt, Wir wurden einfach durchgewunken, der Bus hielt sogar ein paar Minuten an der Station in Homs (Bei der Hinfahrt nur zum Ein- und aussteigen)
Der Verkehr nach Homs und aus Homs war nur ein kleiner Teil dessen, was ich vor Jahren gesehen hatte. Aber gestern wiederum deutlich mehr als bei der Hinfahrt am Samstag.
In Aleppo warden wir ueberall aufs freundlichste empfangen worden, hatten eine Fuehrung in der Zitadelle, wurden gebeten Photos zu machen. Wir hatten von der Zitadelle einen Blick weit ueber die Stadt in alle Richtungen. Nichts zu sehen von irgendeiner Art von Auseinandersetzung. Das Goetheinstitut war natuerlich geschlossen, aber in dem Museum zur Stadterneuerung (auch geschlossen) gab es einen Waechter, der uns einen Blick hinein werfen liess. Insgesamt waren wir die Sensation des Tages: Touristen!
Und das Restaurant, in dem wir gestern Abend waren: Der Manager - wie alle, die wir getroffen haben, ob Arm oder aus dem Mittelstand, war fuer Stabilitaet und Reformen und musste leider bedauern, dass das Restaurant leer war.
Sanktionen
Die Sanktionen treffen natuerlich die Bevoelkerung am staerksten, nicht etwa die politische oder militaerische Fuehrung des Landes. Preise steigen, die Versorgung mit Heizoel im Winter war schwierig und Strom ist auch nicht immer da, jetzt aber besser als vor einiger Zeit. Selbst Touristen(!) sind von den Sanktionen betroffen. Das ist meine erste Reise seit 14 Jahren, zu der ich Bargeld mitnehmen musste, weil die Finanzinstitute (EC-Karte, Visa, Mastercard) Syrien nicht mehr bedienen.
Stabilitaet und Reformen,
Mein Eindruck ist: in Syrien wird heute immer und ueberall die Situation diskutiert. Die Korruption, die Einmischung des Auslands, die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Armee und Aufstaendischen, wie es weitergehen kann, ob Kofi Annan mit einem Plan Erfolg haben kann. Auch in den Verwaltungen hat sich – wie mir gesagt wurde – viel geaendert. Die Chefs koennen nicht mehr einfach tun, was sie wollen...
Als ich meine Lehrerin getroffen hatte und wir im Cafe sassen, sprach sie davon, wie sehr sie die Stabilitaet und den Frieden von frueher vermisst. Und wir sprachen darueber, dass die alten Zeiten nicht einfach wieder kommen koennen - und duerfen.
Stabilitaet und Reformen, das war es, was die Menschen, die wir getroffen haben (mit Ausnahme einer Person), sich gewuenscht haben.
Aleppo und Damaskus
Nach wie vor gibt es den "Streit" zwischen Aleppo und Damaskus um den "ersten Platz". Welches ist die schoenste, wichtigste, reichste, betriebsamste, aelteste Stadt. Dabei sind die beiden Staedte voellig verschieden und eigentlich zusammen ein Symbol fuer die Vielfalt Syriens.
Syrien ist ein Mosaik der verschiedensten Kulturen. Nur der Dialog aller Seiten in diesem Konflikt kann zu einer Loesung fuehren. Nicht die Waffen aus Quatar und nicht die Natobomben
Reise nach Damaskus
11.04.2012
Jetzt bin ich nach 3 Jahren (endlich) wieder in Damaskus. Es hat sich garnicht so viel geaendert. Vieles ist teurer geworden, nicht zuletzt wegen der Sanktionen. Es gibt mehr Internetcafees und wireless-lan, und ja: viele Menschen fuerchten sich vor den Angriffen von bewaffneten Gruppen. Manches ist auch viel schoener geworden, als es vor 3 Jahren war, z.B. der Weg vom Bab Sharqi zum Bab Tuma.
Und noch immer bietet Damaskus - Stadt wie Landkreis - das Bild einer vielfaeltigen Gesellschaft. Und noch immer und zum Glueck gelingt es im groessten teil des Landes diese Vielfalt zu bewahren und zu verhindern, dass sie sich aufspaltet und gegenseitig bekaempft, wie es im Interesse der USA, der Tuerkei, Saudi-Arabiens und Quatars ist.
Trotz allem, was in den letzten Monaten geschehen ist, ist die Stadt immer noch quirlig und lebendig, Die Geschaefte sind voller Waren - alles fast wie frueher.
wird fortgesetzt